23-10-2008: Finanzprodukte von Lehman Brothers: Deminor analysiert die Bankenberatung

 

In der Bundesrepublik Deutschland besitzt eine große Zahl von Investoren Zertifikate und andere Finanzprodukte, die von Lehman Brothers Treasury Co. BV, einem niederländischen Tochterunternehmen der amerikanischen Bank Lehman Brothers Holdings Inc. ausgegeben wurden, welche am 15. September 2008 Gläubigerschutz nach Chapter XI beantragt hat.

 

Diese Situation ist eine unmittelbare Folge der Beratung von Investoren durch private Banken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen.

 

Deminor hat die Beratungsgespräche, welche dazu führten, dass in der Bundesrepublik Deutschland erhebliche Mittel in Zertifikate und Anleihen der amerikanischen Investmentbank veranlagt worden, einer genauen Analyse unterzogen.

 

Dabei offenbarte sich die gesamte Bandbreite einer mängel- und fehlerdurchsetzten Finanz- und Anlageberatung durch die Finanzintermediäre. Die Beratung der Vermögensanleger ist ihren Interessen überwiegend nicht gerecht geworden, weil diese die eigenen Interessen konsequent bei ihrer Beratung in den Vordergrund gestellt haben. Im Einzelnen lassen sich folgende Fehlertypen in den verschiedenen

 

Beratungsgesprächen unterscheiden:

 

1. Das Herausstellen einer „Garantie" beziehungsweise einer „Kapitalgarantie" dominiert das Beratungsgespräch. Der Gegenstand der Beratung bildeten Produkte, die oft mit den Bezeichnungen „Garant" und ähnlichen Bezeichnungen versehen waren. Sofern überhaupt Risiken im Beratungsgespräch erwähnt worden sind, ist das Marktrisiko erwähnt und dessen „Absicherung" in den Vordergrund gestellt worden. Das Kreditrisiko des Emittenten wurde ausgeklammert oder seine Bedeutung im Laufe der Beratung heruntergespielt. Es wurde in vielen Fällen nicht thematisiert, dass eine amerikanische Bank der Emittent des empfohlenen Produktes war.

 

2. Im Beratungsgespräch empfohlene Finanzprodukte wurden nach dem Beratungsgespräch nicht gekauft. Vielmehr wurden ganz andere Finanzprodukte in das Depot von Investoren eingebucht.

 

3. Risikoeinstellung ignoriert: Die geringe Risikotoleranz von konservativen und defensiven Anlegern wurde ignoriert, um im Beratungsgespräch ein riskantes Investmentprodukt empfehlen zu können. Kunden mit sicheren Anlagen - zum Beispiel hohen Festgeldbeständen und Sparguthaben - wurden gezielt in provisionsträchtige Finanzprodukte „hineinberaten". Dies betrifft nicht zuletzt eine Reihe von Investoren, welche sich in einem fortgeschrittenem Lebensalter befinden. An viele Ruheständler sind Zertifikate, die von Lehman Brothers Treasury Co. BV emittiert wurden. Die Risiken dieser Finanzprodukte sind von den Käufern nicht verstanden worden und von dem Berater nicht erläutert worden. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Anlageberater und seinem Kunden ist missbraucht worden, was offenbar der Maximierung der Provisionen dient.

 

4. Manipulationen am Risikoprofil: Manche Berater machen bei der Ausfüllung des Risikoprofils ihren Einfluss geltend, um sicherzustellen, dass nicht zu viele der beratenen Investoren in eine zu niedrige Risikoklasse eingestuft werden und als Erwerber für viele Finanzprodukte nicht mehr infrage kommen. Geschickt ausgestaltete Risikoprofile sehen weiters vor, dass Kaufaufträge auch dann auszuführen sind, wenn die entsprechenden Produkte nicht dem Risikoprofil entsprechen. Damit ist das Risikoprofil letztlich zur Makulatur geworden - was dem Verkauf riskanter Finanzprodukte Tür und Tor öffnet. Es ist auch berichtet worden, dass von der Bank die Beratungsdokumente geändert wurden. Zum Beispiel ist eingetragen worden, dass der Kunde ein bestimmtes Finanzprodukte von seinem Bankberater gewünscht habe.

5. Behauptung vermeintlicher Kundenwünsche: Manche Anlageberater hatten - unzutreffenderweise - in die Beratungsdokumente eingetragen, dass der Kunde ein bestimmtes Finanzprodukt von Lehman Brothers „gewünscht" habe.

 

6. Verstöße gegen eine Basisregel der Vermögensanlage, welche in der Risikostreuung besteht: In vielen Fällen hatte bei der Vermögensberatung die Provisionsmaximierung seitens der Finanzintermediäre derart im Vordergrund gestanden, dass die Finanzvermögen vieler Kunden in einem einzigen Produkt Anlage gefunden hatten. Diese geübte Praxis stellt einen eklatanten Verstoß gegen das Prinzip der Risikostreuung dar. Durch diesen Verstoß gegen die allgemein geltenden Grundprinzipien einer Vermögensanlage haben viele Anleger ihr gesamtes oder erhebliche Teile ihres Vermögens verloren.

 

7. Mangelnde Information über die Wertentwicklung der Investments und Herunterspielen der drohenden Gefahren: Die aktuellen „Credit Default Swaps" - kurz „CDS" genannt - sind Kreditversicherungen, die im Interbanken Markt laufend gehandelt werden. Credit Default Swaps geben in aller Regel eine aktuellere Einschätzung der Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens im Vergleich zu Bonitätsnoten. Die CDS reagieren sehr zeitnah auf Veränderungen des Marktes und auch auf die damit einhergehenden Veränderungen der Liquidität eines Emittenten. Die Entwicklung der „CDS" ist aus diesem Grund maßgeblich für die mit einer Anlageform beziehungsweise mit einem Emittenten eines Finanzproduktes verbundenen Risiken beziehungsweise der Entwicklung dieser Risiken. Der Markt hat diesbezüglich die Kreditwürdigkeit des Schuldners Lehman Brothers im Laufe des Jahres 2008 zunehmend niedriger veranschlagt. Dies war daran zu erkennen, dass der CDS zur Absicherung eines Kredits von diesem Schuldner im Preis signifikant gestiegen ist. Die „Versicherungsprämie" für Lehman Brothers hat sich folglich verteuert, weil der Markt die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls als immer höher angesehen hat. Über die eingetretene Verschlechterung bei Lehman Brothers sind die Investoren nicht unterrichtet worden. In einigen Fällen sind besorgte Investoren, die sich, durch Nachrichten über die weltweite Finanzkrise beunruhigt, an ihre Anlageberater bei ihren Finanzintermediären ratsuchend gewandt haben, beruhigt worden. Es ist Investoren in einigen Fällen auf ihre besorgte Anfrage hin versichert worden, dass keine Gefahr für ihre Anlage(n) bestünde.